Fotografie Braunschweig

Dr. Annette Richter
Dipl. Geologin
Landesmuseum Hannover

IM BÜRO VON ANNETTE RICHTER STEHT EIN GROßER GHETTOBLASTER

Mit dem hört sie früh morgens laut Musik, wenn die Kollegen noch nicht da sind. Ihr Arbeitstag beginnt gern mal um 6:30 Uhr. In ihrem Büro ist an jedem freien Platz etwas hingestellt, -geklebt oder -gehängt. Es gibt ein Skelett mit Hut und Umhängetasche, im Regal ein Baby-Krokodil und Bücher bis unter die Decke. Wir lernten uns vergangenes Jahr im Landesmuseum kennen, als ich einige Monate dort für ein Projekt fotografierte. Im Gespräch erzählt sie, warum sie mit ihren Studenten zu H&M geht, wieso der Elm bei Fossilien-Sammlern berühmt ist und was das alles mit dem berühmten Naturforscher Alexander von Humboldt zu tun hat.

SIE SIND DIPLOM GEOLOGIN MIT DEM SCHWERPUNKT PALÄONTOLOGIE, ALS PALÄONTOLOGIN BESCHÄFTIGEN SIE SICH MIT DER WISSENSCHAFT VON LEBEWESEN IN VERGANGENEN ERDZEITALTERN. WIE SIND SIE DAZU GEKOMMEN?

Ich wollte schon als Kind Paläontologin werden. Für Familie und Freunde war aber klar: Paläontologin wird man nicht! Der Beruf ist sinnlos und ich würde eh keine Stelle bekommen. Ich hab’ das trotzdem eisern durchgezogen. Ich war zudem eine wirklich gute Klavierspielerin und konnte damit während des gesamten Studiums relativ viel Geld verdienen. Ich bin direkt aus der Geophysik-Vorlesung ins Ballettstudio gegangen, wo ich zu den Kursen Klavier gespielt habe. Ich habe mir gesagt: „Gut, ich kriege ja eh keine Stelle. Aber ich möchte wenigstens eine qualifizierte Paläontologin sein, die zwar als Pianistin endet, aber mit einem akademischen Hobby.“ Ich hatte nie wirklich Hoffnung, dass es mit dem Beruf klappen würde und bin deshalb ganz locker rangegangen. Das predige ich auch meinen Schäfchen immer: „Schaut, dass ihr irgendetwas anderes könnt als Paläontologie. Und verlasst euch nicht drauf, dass eine Sache bis zur Rente funktioniert.

Ich habe mich schon früh für Dinosaurier interessiert. Es gab sicherlich kein anderes Mädchen in West-Berlin, die sich in den 1970ern mit Dinosauriern so gut auskannte! Damals gab es den Film Jurassic Park noch nicht, nur zwei Kinderbücher über Dinosaurier, die konnte ich natürlich auswendig. Ich habe meine Eltern ständig tyrannisiert, mit mir ins Naturkundemuseum zu fahren. Mit fünfeinhalb Jahren habe ich gefragt, ob dort im Museum Leute arbeiten, die so was immer machen. Mit sechs Jahren habe ich gesagt: „Das mache ich auch!“ Toll fand ich Skelette von Wirbeltieren, am liebsten von Reptilien, am allerliebsten von Dinosauriern, oder auch Krokodilen. Meine Eltern wollten am liebsten Hamster für mich aber ich wollte lieber Schlangen, die ich mit den Hamstern hätte füttern können. Dann gab’s halt gar keine Haustiere! Mein Beruf ist sehr abwechslungsreich: ein bisschen forschen, ein bisschen Sammlung, ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit, ein bisschen Ausstellung, ein bisschen Bücherschreiben. Und dann bilde ich ja auch noch Studenten aus. Ich habe Glück gehabt, dass ich nicht als Ballett- oder Kneipenpianistin geendet bin!

GIBT ES ETWAS, DAS SIE HEUTE ANDERS MACHEN WÜRDEN?

Als ich die Stelle hier angetreten habe, habe ich gemerkt, dass ich im Studium an einigen Sachen zu schnell vorbei gezogen bin, zum Beispiel an den Mineralien. Als ich hier Chefin einer großen Sammlung wurde, zu der eben auch Steine – Gesteine und Mineralien – gehören, habe ich mich gefragt, wie ich diese herrlichen Mineralien nur so lange vernachlässigen konnte. Ich habe mir dann vieles darüber selbst beigebracht und kann heute zu allem etwas sagen.

Tatsächlich kann man zum Beispiel an den Hausfassaden viel lernen. Wenn man in der Innenstadt in Hannover unterwegs ist, ist zum Beispiel am Kröpcke ein neues Haus (P&C) mit einer Natursteinverkleidung aus Korallentrümmerkalk. In der Ernst-August-Galerie ist das Gestein vollgestopft mit Schwämmen, Ammoniten und Belemniten. Die schönsten Fossilien aber hat ein Oberdepp in den Eingangsbereich vieler Geschäftstüren gebaut. Das heißt, wenn ich mit einer Exkursionsgruppe dort bin, muss ich mich bei H&M und ähnlichen Geschäften in die Eingänge stellen. Die Leute im Laden sehen, dass wir nicht zum Einkaufen da sind und finden das nicht so lustig. Dann gibt es in der Innenstadt von Hannover noch ein Gebäude, in dem zwei Sandsteinplatten mit Dinosaurier-Fußabdrücken verbaut sind. Und Wormland hat ganz hervorragende Bodenplatten aus einem seltenen, indischen Gestein, das bestimmt 1,2 Milliarden Jahre alt ist. Da sind blutrote tropfenartige Mineralien drin. Irre!

SIE ERWÄHNEN OFT HUMBOLDT. WARUM IST ER SO WICHTIG FÜR SIE?

Alexander von Humboldt ist ein Riesen-Vorbild. Entweder ich halte jetzt einen siebenstündigen Vortrag über ihn oder ich sage nur einen Satz: Der Mann war einfach chronisch neugierig! Er wollte alles wissen, das finde ich toll. Er probierte Sachen, die normale Menschen gar nicht machen. Der hat aaaaalles untersucht, alle anorganischen Parameter, alle organischen Parameter, der hat sich für Menschen interessiert, der hat die Sprachen studiert. Der Mann hat, glaub‘ ich, gar nicht geschlafen!

WORAUF SIND SIE STOLZ?

Auf die neue, große Naturkundeausstellung im Landesmuseum. Ich habe mir ein Leben lang gewünscht, eine Dauerausstellung einzurichten. Ich bin super glücklich, dass fossile Krebse und große fossile Fische, die lange in einer Kiste lagerten, endlich ihren Weg in die Ausstellung gefunden haben. Wir können ja nur etwa einen Prozent unseres Bestandes zeigen. Die aktuelle Dauerausstellung bleibt sicherlich aus finanziellen Gründen bis zu meinem Ruhestand, also circa 16 Jahre. Das ist allerdings sowohl museal als auch geologisch betrachtet keine Zeit. Wenn man eine große Ausstellung machen will, muss man zehn Jahre Vorbereitungszeit rechnen, für Planung, Akquise und Umsetzung. Wir waren schneller. Das war zwar unglaublich anstrengend, machte aber Spaß.

Wir gehen in den Keller. Annette Richter zeigt mir Kupfersilikate aus Afrika. Sie stammen aus den Tsumeb-Minen und sind 20 bis 30 Millionen Jahre alt. Und sie zeigt mir einen Pyrit, der ganz und gar nicht naturbelassen aussieht, sondern wie aus vielen zurechtgeschliffenen Quadern. Verrückt, was die Natur so macht. Ich sehe fossile Fische, Libellen und Blätter, Abdrücke von Dinosaurier-Füßen, Tonschiefer, einen wundervoll erhaltenen Schwamm, spiralige Gehäuse von Tintenfischen. Sie läuft hierhin und dorthin, zieht eine Schublade nach der anderen auf, holt etwas heraus und erklärt.
Hier haben wir einen riesigen Kalkblock aus dem Elm, der Gegend rund um Königslutter. Da kommen fossile Tiere vor und ausgestorbene Seelilien, die sehen aus wie unbewegliche Seesterne mit Stiel, aus dem so genannten Germanischen Muschelkalk. Diese Fossilien sind unglaublich begehrt bei Sammlern und sehr alt. Ein lokaler Sammler hat in den 1950er und 60er-Jahren den Elm leer geräumt. Deshalb gibt es die Seelilien praktisch nicht mehr. Der Sammler hat weltweit getauscht. Alle waren scharf auf die Seelilien, japanische und niederländische Sammler lieben sie. Aber der Elm ist dadurch jetzt praktisch „seelilienfrei“ – für heutige Sammler bedauerlich! Nun braucht es wieder 100, 200 Jahre zum verwittern für neue Fossilien.