Fotografie Braunschweig

GERRIT CURCIO, HALB ITALIENER, HALB SCHWABE – ODER WIE ER SAGEN WÜRDE: „GANZ ITALIENER UND GANZ DEUTSCHER“ – LEBT SEIT 25 JAHREN AUF SIZILIEN UND FÜHRT DORT EIN HOTEL. DA ER EIN ZWEITES HOTEL IM ERZGEBIRGE LEITET, KENNT ER DIE UNTERSCHIEDE IN DER ARBEITSMORAL – UND VERRÄT EINE ENTSCHEIDENE SCHWÄCHE DER DEUTSCHEN.

ÜBER NACKTE MÄNNER AN DER REZEPTION UND VERBLÜFFENDE ZECHPRELLER

Vier Tage war ich vergangenen Juli auf Sizilien. Ich hatte das Hotel Kalura vom Erdgeschoss bis in die oberste Etage fotografisch auf den Kopf gestellt und Inhaber Gerrit Curcio mit meinen Vorstellungen und Wünschen für das perfekte Foto sicherlich viele Nerven gekostet.

Zu der Zeit, mitten im Sommer, waren es tagsüber gern mal 42 Grad, abends ein wenig kühler. Die Arbeitstage endeten mit einem Sprung ins kühle Meer. Einmal um den Felsen schwimmen und irgendwie war ich danach jedes Mal sehr wach. Auch an dem Abend, als ich mit Gerrit und einem Aperol noch spät auf der Terrasse saß und wir uns über das Hotelleben unterhielten…

Du leitest ein Hotel auf Sizilien und eins im Erzgebirge. Wie bist du dazu gekommen?

Das war Zufall. Mein Vater kommt gebürtig aus Cefalù auf Sizilien und hat seit 1972 dieses Hotel. Ich bin in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Die Sommerferien habe ich immer in Cefalù verbracht und habe im Hotel mitgeholfen. Als ich Anfang der 90er-Jahre mit der Schule fertig war, habe ich die Hotelfachschule gemacht und bin danach gleich nach Sizilien gegangen. Ich lebe seit über 25 Jahren hier.

Leider ist mein Vater 1999 gestorben, meine Mutter und ich haben dann das Hotel übernommen. Wir hatten aber beide Lust, auch in Deutschland ein Hotel zu führen.

Aber es ist doch schon eine große Aufgabe in Italien ein Hotel zu führen und dann übernimmst du mal eben ein weiteres in Deutschland…

Ja, ich dachte, ich mache dasselbe in Deutschland und habe durch Zufall ein sehr schönes Haus im Erzgebirge entdeckt, 40 Kilometer südöstlich von Dresden. Es liegt mitten im Wald. Das Haus ist aus dem Jahr 1668. Wir haben es schön umgebaut.

Du verbringst im Wechsel drei Wochen in Cefalù und eine Woche in Hermsdorf. Die Prioritäten sind klar. Es gefällt dir anscheinend gut in Italien.

Ja, schon. Hier habe ich die Sonne und bin direkt am Meer. Im Winter ist es allerdings eher nasskalt auf Sizilien, es hat so 12 bis 15 Grad. 

Wie unterscheidet sich die Arbeit in den beiden Ländern?

Die Deutschen sind Weltmeister im Organisieren und die Italiener sind Weltmeister im Improvisieren. Die Frage ist: Was ist besser? Ich sage: das Improvisieren. Im Erzgebirge veranstalten wir einmal im Jahr einen Schneeskulpturen-Wettbewerb. Das ist ein tolles Event, zu dem Tausende von Zuschauern kommen. Dabei wird Schnee zu Würfeln zusammengepresst, die 2 x 2,5 Meter groß sind. Dann kommen Künstler und formen etwas daraus. Wir brauchen dafür gutes Wetter. Wenn das Wetter passt, müssen wir schnell reagieren und auch mal improvisieren.

Der Schneeskulpturen-Wettbewerb beginnt früh, es gibt einen extra Frühstücksbereich. Als einmal viel los war, sagte ich zu einer Servicekraft: „Dort ist noch Platz für 30 Gäste, bitte deckt noch ein.“ Als Antwort bekam ich: „Tut mir leid, dafür habe ich niemanden eingeteilt.“ Wenn man dasselbe zu einem Italiener sagen würde, würde der sich etwas einfallen lassen und sagen: „Kein Problem, das machen wir schon irgendwie.“

Man hört ja immer schlimme Sachen von Sizilien, das so viel geklaut wird zum Beispiel. Aber ich bin jetzt seit 25 Jahren hier und es ist noch nie etwas geklaut worden. Ich lasse immer den Schlüssel in meiner Vespa stecken, da passiert nie etwas.

Und in deinem Hotel in Deutschland?

Da ist schon viel mehr passiert. Einmal, im Herbst, kam ein älterer Mann ins Zollhaus. Er sah ziemlich verwegen aus, trug nur eine Jeansjacke, obwohl es schon ziemlich kalt war. Er hat gegessen und ordentlich Bier, Wein und Schnaps getrunken. Als wir mit der Rechnung kamen, ist der Mann auf einmal umgefallen. Er lag am Boden, stöhnte und regte sich nicht. Wir riefen den Notarzt. Der kam nach 15 Minuten und sagte: „Ach, der schon wieder“. Der Mann war ein bekannter Zechpreller. Er hat sich bei uns umsonst bis oben vollgegessen. Er wurde mit dem Krankenwagen wie mit einem Taxi ins Krankenhaus gefahren. Sowas passiert in Deutschland.

Hast du auch eine verrückte Geschichte aus Sizilien?

Vor zweieinhalb Jahren war ein schwedisches Pärchen hier. Eines Morgens erzählte mir der Rezeptionist, dass der Schwede nachts nackt vor ihm an der Rezeption gestanden hätte, weil ihn seine Frau ausgesperrt habe. Irgendwann hat sie ihn aber wieder reingelassen.

Es passieren auch oft verrückte Sachen, meist wenn man ganz alleine im Hotel ist. Einmal war eine junge Frau hier, das ist mittlerweile schon 20 Jahre her, die abends immer von einem Mann hergebracht wurde, der um einiges älter war als sie. Sie kam jeden Abend an die Bar, um noch etwas zu trinken. Einmal hat sie einen Schnaps getrunken und noch einen und noch einen, bis ich irgendwann gesagt habe: „Das geht nicht mehr“. Sie sagte, dass sie von der Bar nur wegginge, wenn ich sie auf ihr Zimmer begleite. Damit sie verschwindet, habe ich sie bis zu ihrem Zimmertür gebracht. Dann wollte ich zurückgehen. Sie hat mich fast in das Zimmer gezerrt. Ich bin dann runtergegangen und habe gehört, wie sie telefoniert hat. Irgendwann habe ich Schreie gehört. Sie ist vom 3. Stock in die Tiefe gesprungen. Das sind zehn Meter. Sie hat sich dabei beide Beine gebrochen. Ich habe sofort die Ambulanz gerufen. Der Polizist, der auch kam, sagte nur: „Gerrit, warum bist du nicht mit auf’s Zimmer gegangen, dann hätte es nicht so weit kommen müssen.“ Das war echt hart.

Wie ist das Verhältnis zwischen Deutschen und Italienern?

Es ist so: Die Deutschen lieben die Italiener, aber sie respektieren sie nicht. Die Italiener dagegen respektiert die Deutschen, aber sie lieben sie nicht.

Warum respektieren die Deutschen die Italiener nicht?

Italien steht für gutes Essen, für gute Kleidung und für ein besonderes Flair. Aber es steht auch für Unpünktlichkeit und dafür, dass die Menschen beim Autofahren eher locker drauf sind. Wenn hier in Italien auf der Straße 40 km/h steht, fahren die Menschen 80 km/h. In Deutschland traut sich das kaum einer.

Du hast zu 40 Prozent deutsche Gäste. Was ist typisch für sie?

Der deutsche Gast geht an die Rezeption und sagt: „Die Rechnung bitte.“ Er nimmt die Rechnung und rechnet alles nach. Er freut sich, wenn er etwas findet, was er nicht bezahlen muss. Es sind nicht alle so, aber viele. Der italienische Gast schaut kurz über die Rechnung und zahlt.