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Fotografie Braunschweig

THORSTEN STELZNER
LYRIKER, DENKER UND FREIGEIST
BRAUNSCHWEIG

NOTE 5 IN DEUTSCH: HEUTE IST SCHREIBEN SEIN BERUF

Ende der 90er Jahre traf ich Thorsten Stelzner regelmäßig. Damals kaufte ich für meine Food-Fotoaufträge bei ihm ein. Am Hagenmarkt, die „Vita-Mine“, ein kleiner, feiner Obst- und Gemüseladen. Meine Wünsche waren oft speziell: mal kaufte ich nur fünf Himbeeren, mal drehte ich die Kumquats 15x hin- und her und mal fragte ich ihn im Dezember, ob er nicht Pfirsiche MIT Blatt habe. Und wie reagierte Thorsten darauf? Und was ist noch alles passiert?

Der Inhaber der „Vita-Mine“ blieb bei all den Sonderwünschen entspannt. Je häufiger ich bei ihm aufschlug, desto mehr kamen wir ins Erzählen. Er verriet mir, dass er nebenbei schreibt und dass er mit seinen Texten die Menschen erreichen möchte. Das hat funktioniert. Inzwischen hat er 50 bis 70 Auftritte im Jahr. Den Obst- und Gemüseladen hat er damals geschlossen und jetzt, viele Jahre später, wieder aufleben lassen: „Vita-Mine“ ist der Name seiner Schreib-Werkstatt, Galerie und Lesebühne, in der Karl-Marx-Straße 6 in Braunschweig. Er holt Bionade aus dem Kühlschrank. Ich sitze auf dem Ledersofa, in dem man fast versinkt, hinter mir eine Kiste mit Apfelsinen. An der Wand hängen Bilder mit Gruppen von Anzugträgern. Die aktuelle Ausstellung. Ein passender Hintergrund für das Portrait, das ich von ihm fotografieren will. Aber erstmal will ich wissen, wie das damals war, mit der Note 5 in Deutsch und ob ihn auf der Bühne schon mal eine Erfahrung an seine Grenze gebracht hat…

WAS IST DIR WICHTIG AM SCHREIBEN?

Mir ist wichtig, dass am Ende des Tages ein bisschen Text von mir übrig bleibt. Ich glaube tatsächlich, dass man Texte, wie „Knacken“ oder „Mietvertrag“ (siehe Textende) auch noch in 100 Jahren lesen wird und dann sagt: „Da hat irgendein Braunschweiger…“ Das ist cool. Da ist mir auch gar nicht wichtig, dass ich das bin. Was nützt es, wenn man die tollsten Texte schreibt, aber keiner hört und liest sie …

WAS IST FÜR DICH DIE GROSSE HERAUSFORDERUNG AUF DER BÜHNE?

Die Brunsviga (Anmerkung: Kulturzentrum in Braunschweig) ist die größte Herausforderung. Ich bin dort zu 90 Prozent mit Texten auf der Bühne, die hab ich vorher noch nie gelesen. Deshalb bin ich vor keinem Auftritt so fertig wie vor der Brunsviga, weil das neu ist. Das Publikum in der Brunsviga ist der Gradmesser. Ich fange acht Wochen vor dem Auftritt an zu überlegen, was ich machen könnte. Vier Wochen vorher fange ich an zu schreiben. Ich habe überhaupt keine Ahnung, manchmal eine leichte Vorstellung, welcher Text funktionieren könnte. Manchmal bin ich komplett überrascht. Da denke ich bei Texten, die ich so ‘runtergeschrieben habe: „Joa… Is ja ganz witzig“. Und dann gehen die im Publikum plötzlich irre ab. Oder andersrum: Letztes Jahr hatte ich drei Texte dabei, die waren inhaltlich unglaublich hart, da hab ich nicht nur mich, sondern auch das Publikum, glaube ich, leicht verstört. Da war Totentanz, totale Stille im Saal.

GAB ES BERUFLICH EINE ERFAHRUNG, DIE DICH AN DEINE GRENZE GEBRACHT HAT?

Ja, letztes Jahr. Da bekam ich eine Anfrage: „Machste den 1. Mai in Wilhelmshaven?“. DGB, 125 Jahre. Ich habe gar nicht weiter nachgefragt, weil ich das schon öfter gemacht habe. Für mich heißt das in der Regel: Ich bin das kulturelle Beiprogramm. Als Hauptredner kommen dann Oskar Lafontaine, Sahra Wagenknecht, Gregor Gysi oder ein Betriebsrat. Und dann lese ich meine Texte. So, und dann bekam ich eine Woche vorher vom DGB eine Email: „Redebausteine für den 1. Mai .“ So ein dicker Katalog, was man alles so unterbringen könnte in einer Rede. Alles ausgedruckt, aber: Ich bin doch nicht der Redner, ich bin doch nur der Kulturbeitrag. Zack, zur Seite gelegt. Drei Tage vorher haben wir noch mal telefoniert und ich sagte: „Hör mal, ich hab hier so’n Katalog bekommen. Redebausteine 1. Mai. Das ist nicht für mich, oder?“. „Doch, klar. Du bist unser Hauptredner!“. Ich so: „Eiiiiiii. Äh, das hab ich noch niiie gemacht.“ „Ach, das machst du schon.“ Ich sach: „Hör mal, ich hab mich um diese Redebausteine überhaupt nicht gekümmert. Das kann ich nicht.“ Aber es hieß immer nur „Du machst das schon“. Und dann hab’ ich hier gesessen, ach du Scheiße… Und hab angefangen und noch mal und noch mal, dann bin ich los und hab’ gedacht, vielleicht fällt dir ja abends noch was Sinnreiches ein. Ich kam fix und fertig den Abend vorher in Wilhelmshaven an. Ich glaub’, wenn du mich angetickt hättest, ich wäre explodiert. Ja, und dann habe ich entschieden: Neee, das bist du nicht und das kann auch keiner von dir erwarten. Du bist kein Politiker, du bist kein Festredner. Du musst einfach wissen, was du kannst und was du willst. Und das krasse war dann abends sehe ich ein großes Plakat: „Zum 1. Mai Hauptredner Thorsten Stelzner. Der Politpoet seziert politische, gewerkschaftliche Themen.“ Und ich sage: „Könnt ihr mir mal sagen, wieso ich seit einer Woche am Rad drehe, weil ich denke, dass ihr von mir eine richtige Rede erwartet… Das ist doch genau das was ich tun wollte.“

DU SAGTEST MAL, DU HAST EINEN ANDEREN BLICK AUF DIE WELT. WIE MEINST DU DAS?

Ich hatte schon in der Jugend eine andere Sichtweise und eher das Gefühl, daneben zu stehen und zu beobachten, als selber mittendrin zu sein. Ich habe eine Distanz zu dem Geschehen, ich beobachte.

DU HATTEST IN DER SCHULE ZIEMLICH ZU KÄMPFEN…

Ich bin drei Mal sitzen geblieben und von zwei Schulen geflogen. Mich wollte in Braunschweig keiner mehr haben. Dabei war ich ja nicht doof, ich war nur nie da. Als ich vom MK (Anmerkung: Martino-Katharineum Gymnasium in Braunschweig) geflogen bin, habe ich eine Rundreise durch die Realschulen gemacht und überall gesagt: „Ich würde gerne zumindest noch den Realschulabschluss hier machen.“ Da haben die im Martino-Katharineum angerufen: „Ich hab’ hier einen eurer ehemaligen Schüler, Thorsten Stelzner, der will bei uns den Realschulabschluss machen… Pause… Dann wurde aufgelegt. „Du hast deine Schulpflicht erfüllt, wir müssen dich nicht nehmen.“ So, dann gehste los und merkst: „Das hier ist die Endstation, hier ist Feierabend.“

Und dann, zehn Jahre später: Eine Veranstaltung der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft). Da habe ich eine Stunde Programm gemacht, damals mit Lyrik. Als ich fertig war, stieg der Veranstalter auf die Bühne und rief in die Menge: „Anneliese, und das war eine Deutsch 5? Wie peinlich ist das denn?“ Da stand hinten in der letzten Reihe meine ehemalige Deutschlehrerin. Und ich stand auf der Bühne und habe gesagt: „Rehabilitiert!“

MIETVERTRAG

(von Thorsten Stelzner)

Heute Abend bekamen alle Regierungen dieser Welt,

per Einschreiben und mit Rückschein,

folgende Nachricht zugestellt:

 

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,

Sie wissen nicht wer wir sind,

doch Sie werden uns kennenlernen.

 

Unsere Firma ist die Planeten Holding GmbH,

uns hat es schon gegeben,

da war von Ihnen noch keiner da.

 

Wir kauften den Planeten,

der für Sie die Welt darstellt,

und stellten ihn zur Verfügung,

aus reiner Neugier, nicht für Geld.

 

Die ersten beiden Mieter

hießen Adam und Eva oder Adam und Eve,

zwei wirklich nette Leute,

sehr ruhig, doch ein wenig primitiv.

 

Sie begannen sich zu vermehren,

wo gegen niemand etwas hat,

doch dann bauten sie sich Hütten,

später Häuser, dann `ne Stadt.

 

Wir ließen sie gewähren,

denn es war sehr interessant,

doch dann ging `s immer schneller,

und wurd´ schon bald brisant.

 

Naja, die Entwicklung kennen Sie selber,

das führt jetzt auch zu weit,

und außerdem, dazu kommen wir noch,

haben Sie auch nicht viel Zeit.

 

Es ist nun mal beschlossen,

daran ist nichts mehr zu drehen,

bei objektiver Betrachtung

werden Sie `s sicherlich verstehen,

 

unsere Immobilie

ist von Ihnen nicht sonderlich gepflegt,

Sie haben nicht nur das Meer verseucht,

und fast jeden Baum zersägt,

 

Sie haben auch die Luft versaut,

die Tiere dezimiert,

die Landschaft plattgemacht

und zubetoniert,

 

das reicht um Sie zu kündigen,

wir fordern Sie nun auf,

den Planeten zu verlassen,

Klagen nehmen wir in Kauf.

 

Doch sollten Sie beachten,

dass das nichts nützen wird,

Sie zahlten keine Miete,

haben das Objekt zerstört,

 

dennoch räumen wir natürlich ein,

Sie brauchen etwas Zeit,

wir dachten an zehn Jahre,

aber dann ist es soweit.

 

Eines noch zum Abschluss,

es steht auch im Vertrag,

der Planet ist zu verlassen,

wie am allerersten Tag.

D.h. ursprünglich, ordentlich

und natürlich, natürlich renoviert.

Der Vertrag liegt diesem Schreiben bei,

beglaubigt und kopiert.

1.Suchen Sie nicht erst eine Bleibe,

in diesem, unserem All,

Ihr Ruf als Mieter ist beschissen,

und das tatsächlich ÜberALL.

 

Mit freundlichen Grüßen

Planeten Holding GmbH G. Öttlich und Sohn

 

Kontakt:
Die VITAMINE
Thorsten Stelzner
Karl-Marx-Straße 6
38104 Braunschweig
Mail-Adresse: info@vitamine-verlag.de